Projekte

Artikel zur DGNB/ Paul-Wunderlich-Haus

Oft als Schlagwort im Raum, doch selten konkret ist der Begriff "Nachhaltiges Bauen" allgegenwärtig. Das von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) ins Leben gerufene "Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen" schafft jetzt erstmals klare Tatsachen. Im Januar wurde das Gütesiegel erstmals verliehen. Die beiden besten Auszeichnungen in GOLD erhielten das Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde und das Umweltbundesamt in Dessau.

Nachhaltiges Bauen als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Energieeffizienz, Ressourcenschutz, Wohn- und Arbeitsgesundheit rücken als wichtiger Wirtschaftsfaktor in den Fokus. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) haben in den vergangenen Jahren ein Gütesiegel für nachhaltige Gebäude entwickelt. Die ersten ausgezeichneten Bürogebäude wurden im Rahmen des Kongresses „Bauen für die Zukunft" auf der Messe bau2009 im Januar in München von Bundesminister Wolfgang Tiefensee und Werner Sobek, dem Präsidenten der DGNB, vorgestellt.

Die Bewertungskriterien des Deutschen Gütesiegels Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Das Zertifizierungssystem wird von Expertengruppen ausgearbeitet, die die gesamte Wertschöpfungskette der Bauwirtschaft widerspiegeln. Architekten, Ingenieure, Bauphysiker, Bauökologen, Energiefachberater, aber auch Bauproduktehersteller sowie Investoren und Wissenschaftler übersetzen ihre Praxiserfahrungen in konkrete Anforderungen für die Vergabe des Zertifikats.

Als Grundlage für die Kriterien des DGNB-Zertifikats dienen die Ergebnisse des Runden Tisches Nachhaltiges Bauen am Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Diese wurden zum einen im Auftrage des BMVBS von einer Professorengruppe (Lützkendorf, Graubner, Hauser) erarbeitet. Zum anderen von Mitgliedern der Arbeitsgruppen der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB e.V.). Darüber hinaus werden aktuelle Normungsarbeiten zur Nachhaltigkeit, Qualitäts- und Gütezertifizierungen für Bauprodukte sowie Umweltdeklarationen auf Basis der internationalen Norm ISO 14025 einbezogen. In einem mehrmonatigen Abstimmungsprozess wurden alle Kriterien von verschiedenen Arbeitsgruppen in messbare Anforderungen übersetzt, um die Gebäudequalität objektiv darzustellen. Die Nachhaltigkeit bewertet das Zertifikat DGNB nach folgenden Qualitäten: Ökonomische Qualität, ökologische Qualität, soziokulturelle und funktionale Qualität, technische Qualität und  Prozessqualität. Die Standortqualität wird gesondert dargestellt und fließt sinnvollerweise nicht in die Gesamtbewertung ein.

Abb.1: Hauptkriteriengruppen und Anteile an der Gesamtbewertung


Abb.2: Erfüllungsgrad und Benotung für das Zertifikat

Bei der Benotungsskala handelt es sich um einen abgestimmten Vorschlag für die Bewertung des Gesamtergebnisses, der zunächst für die Phase der Probezertifizierung gültig ist. Der Bewertungsmaßstab für Noten gilt auch für die Hauptkriteriengruppen als Teilnoten.

Beispiel Paul-Wunderlich-Haus

Projektbeschreibung

Geplant war ein Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum für den Landkreis Barnim in Eberswalde. Der Stadtkern wurde in den letzten Kriegstagen durch die deutsche Luftwaffe stark zerstört. Ein Wiederaufbau der Innenstadt fand zu DDR-Zeiten nur punktuell statt, so dass viele Flächen bis heute brach lagen.

Das neue Dienstleistungs- und Verwaltungszentrums Barnim soll die über einen Hektar große Lücke inmitten der historischen Altstadt von Eberswalde wieder schließen und sich in die Stadtstruktur integrieren.

Die Forderung nach einem energieeffizienten und nachhaltigkeitsorientierten Gebäude wurde von Anbeginn der Bedarfsplanung über die Planung, Ausführung und dem Monitoring in der ersten Nutzungsphase zur Betriebsoptimierung von Dr. Günter Löhnert, sol°id°ar planungswerkstatt Berlin, begleitet und qualifiziert und war damit auch bereits Bestandteil der europaweiten Ausschreibung des Architektenwettbewerbes, Gewinner des Realisierungs­wettbewerbs war das Architekturbüro GAP Gesellschaft für Architektur & Projektmanagement mbH, Berlin. Schon zu einem frühen Zeitpunkt wurde eine Beauftragung eines breit gefächerten Planungsteams unter Führung des Architekten als Generalplaner angestrebt.

Der Neubau, bestehend aus vier kompakten 3- 4-geschossigen Baukörpern, beherbergt neben der Kreisverwaltung und dem Sitz des Landrates mit einem Plenarsaal auch Flächen für Handel und Gewerbe sowie ein kleines Museum.

Die Vervollständigung der Blockstruktur und die Stärkung vorhandener Baufluchten sollte dabei ebenso berücksichtigt werden, wie die Vernetzung öffentlicher Räume und die Wiederherstellung der historischen Straßenverbindungen.

Abb.3: Architekturmodell des Wettbewerbsgewinners GAP Berlin mit teamgmi Vaduz(Löhnert)

Unter Beachtung der architektonischen, städtebaulichen und nutzungsdefinierten Randbedingungen werden Gebäudeform, Hüllflächen, Gebäudetechnik und Speichermassen so konzipiert, dass mit einem geringen Energieaufwand ein hoher Nutzungskomfort realisierbar ist. Im Bereich der ökonomischen Qualität schnitt das Gebäude mit der Note 0,83 besonders gut ab, was einem Erfüllungsgrad von 100 Prozent entspricht.

Abb.4: Projekt Paul-Wunderlich-Haus (Duckek)

Das Projekt wurde vom Auditorenteam LKL, Dr. Günter Löhnert, Dipl.-Ing. Holger König und Prof. Dr. Lützkendorf zertifiziert und diente auch der Systemerprobung für das Zertifizierungssystem.

Am 1. Juli 2007 wurde das nach dem weltbekannten Künstler Paul Wunderlich benannte Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum in Gegenwart der Bundeskanzlerin Angela Merkel und des Brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Der moderne Gebäudekomplex setzt in vielerlei Hinsicht Maßstäbe und gibt der Eberswalder Innenstadt ein völlig neues Gepräge.

Abb.5: Luftbild des Projekts mit den 4 Gebäuden am ehemaligen Pavillonplatz (GAP).

Energieeffizienz und Nutzungskomfort

Außergewöhnlich und wegweisend ist das Paul-Wunderlich-Haus auf Grund seines innovativen gebäudetechnischen Konzeptes mit hoher Energieeffizienz und einer bürgernahen und transparenten Raumstruktur, aber vor allem auch wegen der gelungenen Symbiose von Verwaltung, Dienstleistungsangeboten und Kunstpräsentation. So begeistert die gelungene Verbindung der modernen lichtdurchfluteten Architektur mit den subtilen und hoch ästhetischen Kunstwerken Paul Wunderlichs die zufällig mit der Ausstellung konfrontierten Verwaltungsbesucher ebenso wie den interessierten Galeriebesucher.

Das Gebäude ist ein Demonstrationsbauvorhaben im Förderkonzept „Energieoptimiertes Bauen - EnOB" des BMWi. Charakteristisch sind sein minimaler Primärenergiebedarf und ein überdurchschnittlicher Nutzerkomfort. Mit der frühen Einbindung der Fachplaner sowie Durchführung von thermischen und lichttechnischen Simulationen wurde ein erhöhter Aufwand in der Planung betrieben. Das gesamte Gebäude­klimakonzept war eine gemeinschaftliche Aufgabe von Architekt und Fachplanern, die in interdisziplinärer Weise durch integrale Planung der Entwurfsoptimierung erfolgte

Abb.6: Energie- und Klimakonzept (teamgmi)

Ein schlankes Gebäudeklimakonzept mit günstigem Verhältnis von Volumen zu Außenfläche wurde umgesetzt. Der Lichteinfall über die Fensterflächen wurde durch Verzicht auf Stürze und die Verhältnisse von Geschosshöhe und Tiefe des Raumes optimiert. Transparente Lüftungsdecken, Akustik-Deckenelemente mit integrierten Phasenwechselmaterial (PCM), Energiepfähle mit Wärmepumpe, hoch gedämmte Fassaden mit vorgefertigten Fassaden­elementen und unterschiedlichsten Oberflächen, Vakuum-Isolations-Paneele, Drei-Scheiben-Verglasung und außen liegender, temperaturgesteuerter Sonnenschutz wurden eingesetzt.

Darüber hinaus wurde eine eigene energieeffiziente Stehleuchte für das Projekt entwickelt.


Abb.7: Tageslicht bis in die Innenräume der Kombibüros.

Baukosten

Das Budget der Baukosten für das Gebäude wurde trotz inzwischen veränderter Randbedingungen nur minimal überschritten. Die Zielvorgaben des Wettbewerbs mit 1.350 €/m² NGF brutto für Baukonstruktion und Technik  belaufen sich jetzt auf 1.400 €/m² NGF.

 

Abb.8: Kostenentwicklung des Projekts

Zertifizierungsergebnis

Das BMVBS und die DGNB verliehen das „Deutsche Gütesiegel Nachhaltiges Bauen" in Gold an das Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde mit der Bestnote 1,18

Das Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde des Berliner Architekturbüros GAP verdankt seine Auszeichnungen der konsequenten Umsetzung nachhaltiger Prinzipien bei Planung, Materialwahl und Realisierung. Das Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum des Landkreises Barnim hat durch einen effizienten Materialeinsatz den Wert 1,55 in der Hauptkriteriengruppe „Ökologische Qualität" erreicht. Das Bürogebäude benötigt nur etwa 30 Prozent Energie eines vergleichbaren Standardgebäudes und stärkt so, bei gestiegenem Nutzerkomfort, die Vorbildwirkung des öffentlichen Bauens.


Abb.9: Einzelbewertung aller Steckbriefe nach dem Gütesiegel DGNB mit Teilnoten zu den Hauptkriteriengruppen für das Paul-Wunderlich-Haus.


Abb.10: Gesamtbewertungsübersicht für das Paul-Wunderlich-Haus.

Fünfzehn weitere Projekte, die sich in Bearbeitung oder Planung befinden, erhielten DGNB-Vorzertifikate. Im April fiel beim DGNB in Stuttgart der Startschuss für die Entwicklung sechs neuer Systemvarianten und erweitert somit das Bewertungssystem um folgende Kategorien:

  • Neubau Gewerbebauten (Retail)
  • Neubau Industriebauten
  • Neubau Bildungsbauten
  • Neubau Wohngebäude (Mehrfamilienhäuser ab zehn Wohneinheiten)
  • Neubau Stadtquartiere

Im Herbst sollen für mindestens drei der neuen Gebäudekategorien die ersten Gütesiegel vergeben werden.

Das Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde wurde, wie die meisten anderen zertifizierten Gebäude, mit der Software LEGEP gerechnet.

Der Autor

Dipl.-Ing. Architekt Holger König

ist Mitglied der 8-köpfigen Taskforce des BMVBS und der DGNB zum Nachhaltigen Bauen.
Er und seine über 10-jährige Arbeit haben wesentlich zur Entwicklung des Deutschen Gütesiegels Nachhaltiges Bauen beigetragen. Darüber hinaus ist er Partner im Auditorenteam Löhnert - König - Lützkendorf (LKL).

Bildquellen: GAP Berlin / M.M. Dresen/ M. Duckek / G. Löhnert / team gmi


Kommentar schreiben


Name

Überschrift

Kommentar Netiquette
Wie viel ist eins plus sieben: *

Wie ist Ihre Meinung zu "Artikel zur DGNB/ Paul-Wunderlich-Haus"?
Schreiben Sie jetzt Ihren Kommentar.

Produktempfehlung

08/09, Praxis-Check Architektur: EnEV 2009
Tipps & Tricks zur Umsetzung der EnEV 2009!

» Mehr Informationen