Autor: Dipl.-Mineraloge Peter Götzelmann, Beratender Geowissenschaftler BDG
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Jeder der sich dem Bauen im Bestand widmet, dürfte seine Erfahrungen mit Baustoffen gemacht haben, die nach heutigem Wissensstand als Schadstoffe gelten oder Schadstoffe enthalten - das Bleirohr, der Teer, das Asbest, Putze, Anstriche, Fugenmassen, Isoliermassen usw. kein Baustoff, der nicht in der einen oder anderen Form Ärger bereiten könnte.
Bestehende Wohnblocks werden modernisiert, Bäder größer, Küchen kleiner, Balkons angefügt, Fenster ausgetauscht, alles soll energieeffizienter sein, Stockwerke werden aufgesattelt, Dächer verändert. Ehem. Fabrikhallen, Kasernengebäude werden zu Wohnungen oder Büros, Bürogebäude werden den aktuellen Anforderungen an Arbeitsräume angepasst. Es gibt nahezu keine Veränderung, die nicht zumindest mal angedacht wurde.
Die Verwendung von Asbest als Baustoff und in Baustoffen ist bekannt, dass für eine zeitlang polychlorierte Biphenyle (PCB) in Dichtungsmassen verwendet wurden, ist schon weniger bekannt. Formaldehyde, PCP, PAK, VOC, DDT, Lindan, Schwermetalle, Schimmelpilze, Taubenkot - eine Auswahl an Stoffen mit einem gesundheitsschädigenden Potential.
Gibt es gesetzliche und untergesetzliche Regelungen für einen Schadstoff oder einen schadstoffhaltigen Baustoff, ist der Problemstoff gut zu identifizieren und Untersuchungsergebnisse nach Standardvorgaben zu bewerten, ist die Untersuchung auf diesen Schadstoff Routine - dann wird das Bauwerk mit einer hohen Wahrscheinlichkeit vor einer Veränderung auf diesen Problemstoff geprüft.
Asbest z.B. ist mit zahlreichen seiner Anwendungen relativ gut bekannt. Es gibt klare Regelungen, wie mit diesem Schadstoff umzugehen ist. Bauwerke werden vor Veränderungen meist auf Asbest untersucht. Es liegen für viele, insbesondere für öffentliche Bauwerke bereits Asbestuntersuchungen vor - was aber nicht unbedingt kommuniziert wird.
Wo kommen Schadstoffe vor, wie sieht der Baustoff aus, in dem sie sich verstecken, von wann bis wann wurden die schadstoffhaltigen Baustoffe verbaut, wo wurden diese Baustoffe angewandt, wie gefährlich sind die einzelnen Schadstoffe? Und was kostet eine Sanierung?
Das sind die Fragen, deren Beantwortung ich hier an dieser Stelle erwartet hätte - bevor ich mich mit dem Thema „Schadstoffe in Bauwerken" angefangen habe zu beschäftigen.
Der nachfolgende Artikel soll, will und kann nicht alle Schadstoffe und deren Anwendungsmöglichkeiten darstellen. Auch die gesundheitlichen Auswirkungen der in Bauwerken verwendeten Schadstoffe können hier nicht annähernd erschöpfend diskutiert werden, hier sind sich in vielen Fällen nicht einmal die Fachleute einig.
Wenn für Asbest und PCB die Einschätzungen zur Toxikologie in der Fachwelt noch einigermaßen konform sind, gehen für die exotischeren Schadstoffe die Einschätzungen sehr weit auseinander.
Der vorliegende Artikel kann vielmehr die Problematik anreißen, als Hilfe für die weiteren zu unternehmenden Schritte.
Für das Bauen im Bestand sind nach meiner Meinung die Bauwerke von 1960 bis 1985 schadstoffmäßig die kritischsten Bauwerke. Wobei die 10 Jahre von 1965 bis 1975 nahezu einen Treffer garantieren - Stichworte in diesem Zusammenhang: Asbest und PCB.
In älteren Gebäuden von vor 1960 sind auch Asbestanwendungen bekannt, in der Regel aber in Form von leichten, dünnen Platten, Asbestschnüren, Stopfmassen in z.B. Kabeldurchgängen und ähnlichem. Des Weiteren wurde im großen Stil Teer eingesetzt. Teerhaltiges Bitumen dichtet gegenüber Wasser ab, ob auf dem Dach, in Nasszellen im Estrich oder als Außenanstrich der erdberührten Bauteile.
In neuen Gebäuden werden die Fragestellungen diffiziler, Asbest z.B. wurde in Gebäuden nach 1990 nur noch in Ausnahmefällen (ab 1993 illegal) eingesetzt. Andere Schadstoffe rücken in den Mittelpunkt des Interesses, es sind meist Schadstoffe, bei denen das Gefährdungspotential zumindest umstritten ist.
Das Alter des Gebäudes und dessen Veränderungszyklen definieren in der Regel die Schadstoffe und den Ort, wo sie verbaut wurden.
Das Herstellen und Inverkehrbringen asbesthaltiger Produkte war in Deutschland ab 1993 verboten. Die Wahrscheinlichkeit in Deutschland in einem Gebäude, das nach 1993 errichtet wurde noch asbesthaltige Baustoffe anzutreffen ist relativ gering, aber grundsätzlich nicht auszuschließen (Verwendung von Restbeständen, ausländische Produkte).
Das Wundermittel PCB (polychlorierte Biphenyle), verwendet z.B. in Fugenmassen, Farben, aber auch in Trafoölen und Kondensatoren von Leuchtstofflampen. Die Verwendung von PCB in offenen Systemen (z.B. in Farben, Fugenmassen) wurde in Deutschland 1978 verboten. Man findet aber trotz des Verbots noch spätere Anwendungen, auch hier ist die Verwendung von Restbeständen, ausländischen Produkten oder Fehlproduktionen Grund sein.
So könnte man die Liste der Schadstoffe und schadstoffhaltigen Baustoffe abarbeiten.
In alten Bauplänen, Rechnungen oder für größere Bauten in den Ausschreibungsunterlagen, soweit sie noch vorhanden sind, findet man zusätzliche Hinweise auf verwendete Produkte und damit auf schadstoffhaltige Baustoffe.
Bild: Abwasserrohre aus Asbestzement.
Für manche Schadstoffe gibt es vergleichsweise präzise Regelungen, ab wann zu handeln ist, ab wann Gesundheitsgefährdungen bestehen, für andere werden Regelungen aus der Arbeitswelt, die eigentlich für völlig andere Bedingungen aufgestellt wurden, hilfsweise herangezogen. Sofern ein Stoff in der Arbeitswelt nicht als Schadstoff eingestuft wurde, wird er auch im Bereich „Bauen" und „Wohnen" nicht als Schadstoff geführt.
Die Vorkommen von Schadstoffen und schadstoffhaltigen Baustoffen sind generell für Gebäude öffentlicher Institutionen und für industriell genutzte Gebäude besser bekannt als in Wohngebäuden aller Größenordnungen.
Typisch sind die 1970er Jahre-Bauten, in die alle damals modernen Baustoffe Einzug hielten und die heute ein echtes Sanierungspotential enthalten. Diese Bauwerke kommen nun als öffentliche Gebäude oder auch als durch die Industriegebäude in das Alter, wo Veränderungen notwendig werden. Die ganze Haustechnik ist oft marode, die Fassaden müssen überarbeitet werden (z.B. für das Aufbringen einer Wärmedämmung), die Dächer repariert und gedämmt werden usw..
An der Fassade z.B. sind die damals häufig verwendeten Asbestzementplatten meist in einem schlechten Zustand, die alten Fenster mit Alu-Rahmen enthalten oft asbesthaltige Fensterkitte, Fugenmassen an Betonbauwerken können PCB-haltig sein - um nur einige Beispiele zu nennen.
Spritzasbest ist an Bauwerken dieser Baujahre ebenfalls häufig anzutreffen.
Bis Baujahr etwa 1985 ist vermehrt mit der Anwendung von Baustoffen, die schwach gebundenen Asbest enthalten, zu rechnen.
Bild: 1970er Jahre Bauwerk mit Waschbeton-Platten (PCB-haltige Fugenmassen)
Alte Industriegebäude in moderne, trendige Wohnstätten umzuwandeln, auch schön. Da kommen noch andere Überlegungen dazu, welche Industrie hat welche Werkstoffe in diesen Hallen über die vielen Jahre genutzt.
Welche der Werkstoffe, Zwischenprodukte, Hilfsprodukte, Werkzeuge sind heute unter dem Stichwort „Schadstoff" zu finden und wo sind welche Mengen zurückgeblieben?
Gesunde und angenehme Wohnverhältnisse an solchen Orten zu schaffen, heißt auch Stoffe zu beachten, die nicht unbedingt gesundheitsgefährdend sind, aber z.B. unangenehm riechen. Was sich in einer großen Industriehalle nicht störend bemerkbar macht, kann in einer vergleichsweise kleinen Wohnung, in einem kleinen Büroraum zu einer echten Belästigung werden.
Bild: freies Quecksilber aus zerbrochenem elektrischen Relais älterer Bauart
Dazu kommen Vorlieben, Unsicherheiten und Zwangspunkte bei Architekten, Bauherren, örtlichen Genehmigungsbehörden, Baufirmen sowie die Frage nach zum damaligen Zeitpunkt örtlich verfügbare Baustoffe, Kosten für diese Baustoffe, Lieferanten und, und, und ... - alles Einflüsse warum ein schadstoffhaltiger Baustoff verbaut oder nicht verbaut wurde, wenn man den Grund für die Verwendung oder die Nicht-Anwendung nach dieser Zeit nochmals in Erfahrung bringen kann.
Umbauten von Heizungsanlagen, um auf Dauer Kosten zu sparen, der globalen Erwärmung zu begegnen oder Fördergelder zu nutzen - hier ist bei alten Anlagen oder Anlagen, die aus Restbestandteilen alter Anlagen bestehen, ein nicht zu unterschätzendes Potential an asbesthaltigen Baustoffen geboten.
Was sind die Ziele eines Umbaus / einer Modernisierung? Es können Maßnahmen sein, um im Bestand angenehmere, gesündere Wohnumstände, bessere Arbeitsbedingungen oder einfach nur ein attraktives, modernes Ambiente zu schaffen. Mit einer Modernisierung werden Betriebskosten gesenkt, die Attraktivität für Nutzer erhöht.
Bild: asbesthaltige PVC-Fliesen
Dafür nimmt der Bauherr in der Regel Geld, manchmal auch richtig viel Geld in die Hand und möchte dass sich sein Investment lohnt. Bei größeren Baumaßnahmen, beim Eigentümerwechsel von Gebäuden wird in der Regel ein Gutachter für Bauschadstoffe hinzugezogen.
Die sorgfältige, nicht übertriebene Aufnahme von Bauschadstoffen benötigt Zeit vor Ort, manchmal ist es erforderlich mehrmals in ein Gebäude zu gehen.
Das aus den Ergebnissen der Begehung und den Laborergebnissen erzeugte Gutachten sollte nicht nur die Fundstellen und Schadstoffe aufzählen, in Abhängigkeit der weiteren Nutzung sollten notwendige Maßnahmen empfohlen und die Funde bewertet werden, in Abhängigkeit der weiteren Nutzung des Gebäudes.
Schadstoffe, im Nachgang oder während einer Modernisierung und an der richtigen Stelle gefunden, führen mindestens zu Diskussionen mit dem neuen (alten) Nutzer des veränderten Bauwerks. Zusätzliche Kosten (Kosten für die Sanierungsmaßnahme selber, Bauverzögerungen, verspätete Fertigstellung) oder Mindereinnahmen (durch verspätete Fertigstellung, Mietminderungen) sind nach einem solchen Fund in aller Regel zu erwarten.
Nach der Planungsphase mit einer Baumaßnahme begonnen zu haben, dann auf einen Schadstoff zu stoßen und zu merken, dass die Finanzierung der gesamten Maßnahme nichts mehr mit der ursprünglichen Kalkulation zu tun hat, gehört mit Sicherheit zu den weniger schönen Dingen im Berufsleben eines Bauherrn..
Der schwäbische Merksatz „Mir sparet, egal was koscht" wird nach meinen Erfahrungen oft schon bei der Planung angewandt und verhilft damit den meisten Bauvorhaben zu einem spannenden Verlauf.
Bild: Gasheizung mit asbesthaltigen alukaschierten Kartons
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